über das museum
aktuell
archiv
texte
links
kontakt
 
// archiv ////////////////////////////////////////////////////////////////////////////
 

29. juli - 8. september 2005
City of Names
Interaktionen des Jazzstylecorners im Rahmen der Ausstellung "Backjumps – The Live Issue 2" im Künstlerhaus Bethanien Berlin-Kreuzberg

 
 

Für einen Zeitraum von vier Wochen wurde im August 2005 vor den Toren des Bethanien in Berlin Kreuzberg eine Stadt aus Holz gebaut. Auf einer Initiative des Jazzstylecorners wurde die "City of Names" von einer Gruppe von ca. 20 – 30 Writern und Street Artists aus Berlin und dem Ausland unter Mithilfe von Anwohnern und Kindern errichtet. Die Bauherren setzten dabei ihren künstlerischen Stil, der geprägt ist durch die Konstruktion und Dekonstruktion von Buchstaben, in die Dreidimensionalität um. Der sonst auf die Signatur reduzierte Ausdruck der Writer wurde in der Architektur der Häuser verräumlicht und begehbar; aus Namen entstand eine ganze Stadt. Die Sprüher wurden selbst zu Architekten, Hausbesitzern und Städteplanern. Die Initiatoren des Projektes, das 2004 schon einmal in Göteborg stattfand, erfüllten "obdachlosen" Straßenkünstlern den Traum vom Eigenheim und öffneten die Grenzen zwischen verschiedenen soziokulturellen Wertvorstellungen von Gesellschaft und Heimat. Das Graffitimuseum begleitete die "City of Names" mit einem Bauwagen, der als Büro fungierte und dessen Außenseiten als Ausstellungs- und Projektionsflächen dienten.

Unter dem Motto „Name und Stadt – Stadt und Name“ wurden vom Graffitimuseum in der City of Names wöchentlich wechselnde Mini-Ausstellungen, Scrabble- und Filmabende realisiert. Darüber hinaus wurden regelmäßig Stadtführungen durch die City of Names angeboten und durchgeführt.

Graffiti und Architektur in der City of Names – Stadtführung
In der "City of Names" wurde Graffiti in die Dreidimensionalität überführt. Die Stadt der Namen war aber noch mehr als eine Freiluftausstellung von Häusern und Gebilden aus Buchstaben. Die Führung untersuchte das Zusammenspiel von Graffiti und Architektur und fragte nach dem Mehrwert der kleinen Stadt als utopisches Modell.

Die „City of Names – Bigband“ singt und spielt drei Wände im Prenzlauer Berg
Performance
Drei Fotos von Graffitiwänden im Berliner Prenzlauer Berg dienten als Partitur für ein Musikstück für zwei Gesangsstimmen, eine Trompete und ein Harmonium. Das vom Graffitimuseum gemeinsam mit den Musikern der „City of Names – Bigband“ konzipierte Stück dauerte ca. zehn Minuten und wurde im Rahmen eines Filmabends vor 25 Zuhörern uraufgeführt.

Human Styles
Unter der Leitung von Josephine Ehlert stellten sich Schauspieler des Jugendtheaters "P14" der Volksbühne Berlin als bewegliche Buchstaben, Balken und Elemente zur Verfügung, um Graffitistyles ins menschliche Maß zu setzen. Ein Writer formte die menschlichen Mitspieler in der "City of Names" zu einem Buchstaben-Standbild, indem er mehrere in bunte Leggins gehüllte Körper, Arme, Beine, Badekappen und Handschuhe mit Pfeilen und Elementen zu seinem Schriftbild arrangierte. Akrobatik, körperliche Charakteristiken und das Zusammenspiel der Personen wurden erprobt, aus gebogenen Rümpfen und Gliedmaßen entstanden kollektive und temporäre Graffiti - der Writer/Architekt führte Regie.
Foto: Loso.

   
  Ausstellungen:

1. Names of Cities
Städte sind von Namen bevölkert. Einige Namen sind in das Buch einer Stadt geschrieben, bezeichnen aber dennoch andere Städte als die örtlichen Verkehrszeichen, Karten und Denkmäler verkünden. Diese Namen verweisen auf eine imaginäre Population, eine Population von Zeichen, welche die benannten Städte an einen entfernten Ort tragen. Fremde Städtenamen, die in das vertraute Stadtbuch geschrieben sind, dehnen unsere Umgebung zu babylonischer Größe. Ist es Sehnsucht nach wärmeren Orten oder touristischen Versprechen? Ist es Größenwahn, der Stadtschreiber dazu anhält, ganze Städte als Pseudonyme einzugemeinden? Sind es Graffiti von Ausländern, die versuchen gegen das Heimweh anzukämpfen, um ein Stück São Paulo in die neue Heimat zu holen? Sind es Verweise auf angedachte Partnerstädte oder beliebte Urlaubsorte? Oder ist es Exotik bestimmter Buchstabenkombinationen, welche Menschen dazu bringen, Straßen oder Stadtteile umzutaufen? Ohio, Paris, Rio, Kiew, Hanoi, Sofia, Chester, Tokio, Stockholm. Die Globalisierung hat die Oberflächen von Stralsund, Berlin und Dresden erreicht. Ob wir in London, Warschau und New York auf Leipzig, Wismar und Neustrelitz treffen? Wer heute lesend durch die Stadt geht, durchquert Kontinente.

2. Fußnoten zur Stadt
Als Fußnote verstehe ich knappe und dem Graffitibild untergeordnete Anmerkungen, die sich in dem Bild oder in direkter Nähe befinden. Aber was sind Fußnoten im Graffiti? Sollen sie als weiterführende Anmerkungen verstanden werden? Oder stellen die Fußnoten die Quelle dar, aus der das künstlerische Potential stammt? Sollen sie das Graffiti untermauern, ergänzen, emotional aufladen oder einfach ein Stück Privates in die Öffentlichkeit transportieren? Werden sie überhaupt wahrgenommen, gelesen und verstanden?
Ist Graffiti in der Stadt als linearer Text lesbar, der Sprüher, der spezielle Ort, die Situation, die Fußnote, die Wirkung auf mich ein Hypertext? Die Fußnote ist im Graffiti meist das lesbarste Element. Für mich ist sie ein Angebot, sich den Ort länger und genauer anzusehen. Ich kann sie für mich nutzen, mir überlegen, warum sie da ist, welche Information sie mir gibt. Sie kann mich froh machen, mich nachdenklich stimmen, mich verwirren, mich lächeln lassen. Faszination von Urbanität, positiv als auch negativ, findet sich facettenreich in den Fußnoten. Die Fußnote - der Untertitel zum Bild, der Untertitel zum Leben, der Untertitel zur Stadt!
Ulrike Bärwolff

3. Graffiti und Natur
Die Großstadt wird nicht selten als ein Dschungel beschrieben, in dem Häuser wachsen, Autos brüllen und die Einwohner sich wie Insekten drängeln. Tatsächlich gleicht die Stadt oft aber einem gepflegten Garten; Oasen oder Biotope der unangetasteten Flora und Fauna trifft der Mensch selten. Doch wie stark die Stadt auch als eine Anpflanzung gehegt wird, das Unkraut, die wilden Wucherungen und Rhizome sprießen unaufhaltsam. Von dieser Art sind Graffiti und Buntflächen, die als unberechenbare und wilde Organismen im Dickicht der Städte keimen und sich entfalten. Graffiti bieten die Möglichkeit, inmitten von Gebäuden, Verkehrsadern und Werbung in die Natur einzutauchen. Man muß nur genau hinsehen, um Schleichendes, Hüpfendes, Schillerndes oder Blühendes zu finden. Ein mikroskopischer oder manchmal auch ein unscharfer Blick kann helfen, Lebensformen und Naturphänomene in den Bildern und Schriftzeichen zu entdecken.
Der Sprüher IDEE beschreibt Graffiti als Regen, der in unserem Lebensraum niederfällt (zitty, 11/2005). Graffiti kann ein Naturerlebnis sein, wie ein Wetterumschwung, ein Landstrich, eine Pflanze oder eine Kreatur. Das Graffitimuseum möchte zu Expeditionen ermuntern, das bedrohte Phänomen Graffiti mit der Lupe zu lesen. Denn wenn die Großstadt zum Dschungel oder zur Wüste wird, so bringt sie auch Gestalten des Glühwürmchens, der Wanderflechte, des Nordlichts, des Chamäleons, des Schnee-gestöbers, des Papageien usw. mit sich. Wer dem Streß der Großstadt entfliehen möchte, zieht sich am besten zurück, derweil er die Graffiti erkundet, in denen er Natur erkennt.

4. Wahlkampf in Buenos Aires
In den Monaten vor einer Wahl werden in Buenos Aires Wände und auch Züge mit den Namen der Kandidaten versehen. Neben Parteien und politischen Organisationen wird die Form der Wahlwerbung auch zur Gewerkschafts- oder Fußballklub-präsidentenwahl genutzt und ist eine anerkannte und verbreitete Methode.Spätestens zur ersten freien Wahl nach der Militär-diktatur 1983 etablierten sich die zweifarbigen Namensschrift-züge im simplen Bubble- oder Blockstil, die einfach anzufertigen und ebenso einfach zu lesen sind.
Während in den USA und anderen Orten seit den 70er Jahren eine Bewegung entstand, in der Writer ihre eigenen Namen in ähnlicher Form in sogenannten Streetbombings auf die Fassaden auftrugen, hemmte die beschriebene Form des Wahlkampfs anscheinend eine ähnliche Entwicklung in Buenos Aires, wo bis heute kaum ähnliche, einfach gestaltete Schriftzüge aus der Sprüherszene zu sehen sind. (1) Zu einer Verwechslung zwischen Graffiti und Wahlwerbung, die sich im Gehirn eines europäischen Betrachters entwickelt, kommt es also auf den Straßen Buenos Aires´ nicht. Dennoch können wir fragen, was die ähnlichen Formen von Wahlwerbung und des Streetbombings gemeinsam haben. Es geht in beiden Fällen um die Verbreitung eines Programms, daß auf einen Namens reduziert ist, sei es mein eigener oder der der Vereinigung, der ich angehöre. Durch die Namen soll der Namensträger zu Ruhm und öffentlicher Geltung gelangen und letztlich seine Einflußsphäre visuell markieren. Während die Graffiti nur eine symbolisch formale Beherrschung erreichen, zielt die Wahlwerbung auf eine reale Macht. Aber die Formen sind schwer auseinander zu halten. Wer sagt uns, daß sich „Bielsa“ auf Herrn Bielsa und seine Bestrebungen auf das Amt des Senatoren bezieht und nicht auf einen Writer gleichen Namens. Die Namen von Parteien, Fußball-klubs, Gewerkschaften und Sprühergruppen sind schwer einer kulturellen Zugehörigkeit oder institutionellen Eindeutigkeit zuzuordnen. Gemein ist der Werbung "von unten" im Stadtraum stetig neue Koalitionen einzugehen und Allianzen zwischen Bedeutungsträgern und leeren Signifikanten zu schmieden.
(1) Emilio Petersen behauptet sogar, daß erst die Berliner “Lite” und “Esher” mit ihrem Besuch 1998 die Form des Street-bombings nach Buenos Aires gebracht haben. http://elportaldemexico.com/artesplasticas/

5. Vote PCM
Die gezeigten Fotos sind eine Schenkung des Writers Luz 135, die dem Graffitimuseum nach der Vernissage von "Wahlkampfgraffiti in Buenos Aires" zugespielt wurde. Luz selbst lebte 2001/2002 in Buenos Aires und war an der von argentinischen und deutschen Writern ausgeführten Kampagne "Vote PCM!" beteiligt. Als Reaktion auf die von Parteien beauftragten Graffiti-Trupps, die nicht selten ihre Auftragsbilder über individuelle Graffiti pinseln, gründeten sie die Gruppe PCM - PODER MENTIRAS y CORUPCION (Macht Lügen und Korruption) und fertigten ihrerseits Wahlkampfgraffiti an, die sich von den "offiziellen" zunächst nur schwer unterscheiden ließen. Wie auf den Fotos aber auch zu erkennen ist, hielten die Bilder mit diesen Schriftzügen in der Regel nur die kurze Zeit, bis sie von den Partei-Trupps entdeckt und wieder überstrichen wurden.

 
  6. Workshopergebnisse  

 
 
 


In den Workshops unter dem Titel: Workshop „Serielles Fotografieren von Graffiti" konnten die mit einer Kamera ausgerüsteten Teilnehmer individuelle und arrangierte Blicke auf Graffiti einüben. Einzige Vorgabe war es, mit den Fotografien einem wie auch immer gearteten Blick zu folgen, um in einer Serie (un)auffällige Ähnlichkeiten, Ansichten und Beziehungen im Straßenland zu versammeln oder eine Geschichte zu erzählen. Dabei erprobten die Teilnehmer die unvoreingenommene Sicht auf das Material Graffiti, das je nach Farbe, Form, Untergrund, Komposition, Brisanz und natürlich Bedeutsamkeit und Information das feingliedrige Gewebe abgibt, aus dem sich das Phänomen stetig weiterspinnt. Mit der Kamera ist es möglich, spontan und im Vorübergehen Graffiti im Ausschnitt oder Zusammenhang zu dokumentieren. Wenn der Gesamttext Graffiti sich über die Haut der Stadt zieht, so ist es ihrem Leser möglich, einzelne Zwirne aus dem verwobenen Stoff zu lösen, einem verwickelten Erzählfaden zu folgen oder im Gestrick und zwischen den verknüpften Schichten verloren zu gehen. Im Aufspüren von herausstechenden Textstrukturen oder im Verlust der nüchternen Lektüre kann jedermann Sinn und Irrtümer aus dem Gewebe Graffiti ziehen.

Der Kampf des Sprühers und der Plakate

Anna und Benny dokumentieren den Kampf zwischen Sprühern und den „Wilden Plakatierern“, die deren Bilder überdecken. Das „mutwillige Freireißen“ von Outlines und Fill-Ins, so vermutet Benny, wird von den Sprühern selbst vorgenommen. Beim Versuch des Wiedersichtbarmachens ihrer überklebten Werke werden aber teilweise auch die selbst aufgetragenen Lackschichten mit abgerissen.

 
  Demnächst können
Sie hier Einladungen beantragen
 
 
 
 
senden
 
   
startseite // über das museum // aktuell // archiv // texte // links
kontakt: info@graffitimuseum.de
    Diese Seite ist optimiert für 1024x768 Auflösung bei Vollbild