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29. juli - 8. september 2005
City of Names
Interaktionen des Jazzstylecorners
im Rahmen der Ausstellung "Backjumps – The Live
Issue 2" im Künstlerhaus Bethanien Berlin-Kreuzberg |
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1. Names of Cities
Städte sind von Namen bevölkert. Einige
Namen sind in das Buch einer Stadt geschrieben, bezeichnen
aber dennoch andere Städte als die örtlichen
Verkehrszeichen, Karten und Denkmäler verkünden.
Diese Namen verweisen auf eine imaginäre Population,
eine Population von Zeichen, welche die benannten
Städte an einen entfernten Ort tragen. Fremde
Städtenamen, die in das vertraute Stadtbuch geschrieben
sind, dehnen unsere Umgebung zu babylonischer Größe.
Ist es Sehnsucht nach wärmeren Orten oder touristischen
Versprechen? Ist es Größenwahn, der Stadtschreiber
dazu anhält, ganze Städte als Pseudonyme
einzugemeinden? Sind es Graffiti von Ausländern,
die versuchen gegen das Heimweh anzukämpfen,
um ein Stück São Paulo in die neue Heimat
zu holen? Sind es Verweise auf angedachte Partnerstädte
oder beliebte Urlaubsorte? Oder ist es Exotik bestimmter
Buchstabenkombinationen, welche Menschen dazu bringen,
Straßen oder Stadtteile umzutaufen? Ohio, Paris,
Rio, Kiew, Hanoi, Sofia, Chester, Tokio, Stockholm.
Die Globalisierung hat die Oberflächen von Stralsund,
Berlin und Dresden erreicht. Ob wir in London, Warschau
und New York auf Leipzig, Wismar und Neustrelitz treffen?
Wer heute lesend durch die Stadt geht, durchquert
Kontinente. |
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2. Fußnoten zur
Stadt
Als Fußnote verstehe ich knappe und dem Graffitibild
untergeordnete Anmerkungen, die sich in dem Bild oder
in direkter Nähe befinden. Aber was sind Fußnoten
im Graffiti? Sollen sie als weiterführende Anmerkungen
verstanden werden? Oder stellen die Fußnoten
die Quelle dar, aus der das künstlerische Potential
stammt? Sollen sie das Graffiti untermauern, ergänzen,
emotional aufladen oder einfach ein Stück Privates
in die Öffentlichkeit transportieren? Werden
sie überhaupt wahrgenommen, gelesen und verstanden?
Ist Graffiti in der Stadt als linearer Text lesbar,
der Sprüher, der spezielle Ort, die Situation,
die Fußnote, die Wirkung auf mich ein Hypertext?
Die Fußnote ist im Graffiti meist das lesbarste
Element. Für mich ist sie ein Angebot, sich den
Ort länger und genauer anzusehen. Ich kann sie
für mich nutzen, mir überlegen, warum sie
da ist, welche Information sie mir gibt. Sie kann
mich froh machen, mich nachdenklich stimmen, mich
verwirren, mich lächeln lassen. Faszination von
Urbanität, positiv als auch negativ, findet sich
facettenreich in den Fußnoten. Die Fußnote
- der Untertitel zum Bild, der Untertitel zum Leben,
der Untertitel zur Stadt!
Ulrike Bärwolff |
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3. Graffiti und Natur
Die Großstadt wird nicht selten als ein Dschungel
beschrieben, in dem Häuser wachsen, Autos brüllen
und die Einwohner sich wie Insekten drängeln.
Tatsächlich gleicht die Stadt oft aber einem
gepflegten Garten; Oasen oder Biotope der unangetasteten
Flora und Fauna trifft der Mensch selten. Doch wie
stark die Stadt auch als eine Anpflanzung gehegt wird,
das Unkraut, die wilden Wucherungen und Rhizome sprießen
unaufhaltsam. Von dieser Art sind Graffiti und Buntflächen,
die als unberechenbare und wilde Organismen im Dickicht
der Städte keimen und sich entfalten. Graffiti
bieten die Möglichkeit, inmitten von Gebäuden,
Verkehrsadern und Werbung in die Natur einzutauchen.
Man muß nur genau hinsehen, um Schleichendes,
Hüpfendes, Schillerndes oder Blühendes zu
finden. Ein mikroskopischer oder manchmal auch ein
unscharfer Blick kann helfen, Lebensformen und Naturphänomene
in den Bildern und Schriftzeichen zu entdecken.
Der Sprüher IDEE beschreibt Graffiti als Regen,
der in unserem Lebensraum niederfällt (zitty,
11/2005). Graffiti kann ein Naturerlebnis sein, wie
ein Wetterumschwung, ein Landstrich, eine Pflanze
oder eine Kreatur. Das Graffitimuseum möchte
zu Expeditionen ermuntern, das bedrohte Phänomen
Graffiti mit der Lupe zu lesen. Denn wenn die Großstadt
zum Dschungel oder zur Wüste wird, so bringt
sie auch Gestalten des Glühwürmchens, der
Wanderflechte, des Nordlichts, des Chamäleons,
des Schnee-gestöbers, des Papageien usw. mit
sich. Wer dem Streß der Großstadt entfliehen
möchte, zieht sich am besten zurück, derweil
er die Graffiti erkundet, in denen er Natur erkennt. |
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4. Wahlkampf in Buenos
Aires
In den Monaten vor einer Wahl werden in Buenos Aires
Wände und auch Züge mit den Namen der Kandidaten
versehen. Neben Parteien und politischen Organisationen
wird die Form der Wahlwerbung auch zur Gewerkschafts-
oder Fußballklub-präsidentenwahl genutzt
und ist eine anerkannte und verbreitete Methode.Spätestens
zur ersten freien Wahl nach der Militär-diktatur
1983 etablierten sich die zweifarbigen Namensschrift-züge
im simplen Bubble- oder Blockstil, die einfach anzufertigen
und ebenso einfach zu lesen sind.
Während in den USA und anderen Orten seit den
70er Jahren eine Bewegung entstand, in der Writer
ihre eigenen Namen in ähnlicher Form in sogenannten
Streetbombings auf die Fassaden auftrugen, hemmte
die beschriebene Form des Wahlkampfs anscheinend eine
ähnliche Entwicklung in Buenos Aires, wo bis
heute kaum ähnliche, einfach gestaltete Schriftzüge
aus der Sprüherszene zu sehen sind. (1) Zu einer
Verwechslung zwischen Graffiti und Wahlwerbung, die
sich im Gehirn eines europäischen Betrachters
entwickelt, kommt es also auf den Straßen Buenos
Aires´ nicht. Dennoch können wir fragen,
was die ähnlichen Formen von Wahlwerbung und
des Streetbombings gemeinsam haben. Es geht in beiden
Fällen um die Verbreitung eines Programms, daß
auf einen Namens reduziert ist, sei es mein eigener
oder der der Vereinigung, der ich angehöre. Durch
die Namen soll der Namensträger zu Ruhm und öffentlicher
Geltung gelangen und letztlich seine Einflußsphäre
visuell markieren. Während die Graffiti nur eine
symbolisch formale Beherrschung erreichen, zielt die
Wahlwerbung auf eine reale Macht. Aber die Formen
sind schwer auseinander zu halten. Wer sagt uns, daß
sich „Bielsa“ auf Herrn Bielsa und seine
Bestrebungen auf das Amt des Senatoren bezieht und
nicht auf einen Writer gleichen Namens. Die Namen
von Parteien, Fußball-klubs, Gewerkschaften
und Sprühergruppen sind schwer einer kulturellen
Zugehörigkeit oder institutionellen Eindeutigkeit
zuzuordnen. Gemein ist der Werbung "von unten"
im Stadtraum stetig neue Koalitionen einzugehen und
Allianzen zwischen Bedeutungsträgern und leeren
Signifikanten zu schmieden.
(1) Emilio Petersen behauptet sogar, daß erst
die Berliner “Lite” und “Esher”
mit ihrem Besuch 1998 die Form des Street-bombings
nach Buenos Aires gebracht haben. http://elportaldemexico.com/artesplasticas/
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6. Workshopergebnisse |
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In den Workshops unter dem Titel: Workshop „Serielles
Fotografieren von Graffiti" konnten die mit einer Kamera
ausgerüsteten Teilnehmer individuelle und arrangierte
Blicke auf Graffiti einüben. Einzige Vorgabe war es,
mit den Fotografien einem wie auch immer gearteten Blick
zu folgen, um in einer Serie (un)auffällige Ähnlichkeiten,
Ansichten und Beziehungen im Straßenland zu versammeln
oder eine Geschichte zu erzählen. Dabei erprobten die
Teilnehmer die unvoreingenommene Sicht auf das Material
Graffiti, das je nach Farbe, Form, Untergrund, Komposition,
Brisanz und natürlich Bedeutsamkeit und Information
das feingliedrige Gewebe abgibt, aus dem sich das Phänomen
stetig weiterspinnt. Mit der Kamera ist es möglich,
spontan und im Vorübergehen Graffiti im Ausschnitt
oder Zusammenhang zu dokumentieren. Wenn der Gesamttext
Graffiti sich über die Haut der Stadt zieht, so ist
es ihrem Leser möglich, einzelne Zwirne aus dem verwobenen
Stoff zu lösen, einem verwickelten Erzählfaden
zu folgen oder im Gestrick und zwischen den verknüpften
Schichten verloren zu gehen. Im Aufspüren von herausstechenden
Textstrukturen oder im Verlust der nüchternen Lektüre
kann jedermann Sinn und Irrtümer aus dem Gewebe Graffiti
ziehen.
Der Kampf des Sprühers und der Plakate
Anna und Benny dokumentieren den Kampf zwischen Sprühern
und den „Wilden Plakatierern“, die deren Bilder
überdecken. Das „mutwillige Freireißen“
von Outlines und Fill-Ins, so vermutet Benny, wird von den
Sprühern selbst vorgenommen. Beim Versuch des Wiedersichtbarmachens
ihrer überklebten Werke werden aber teilweise auch
die selbst aufgetragenen Lackschichten mit abgerissen.
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