| |
Als Methode zur Rekonstruktion
der Zusammenhänge im Gesamttext Graffiti drängt
sich dem Leser die unbefriedigende Möglichkeit des
positivistischen Sammelns (z.B. Einlesen durch Fotografieren)
auf. Auch das Graffitimuseum konnte dieser Methode des Anhäufens
nicht entgehen und stieß dabei an die natürlichen
Grenzen der Darstellbarkeit lebendiger Phänomene: Graffoti
(Fotografierte Graffiti) sind aus ihrem Lebensraum herausgeschnitten,
sie sind tot, konserviert wie ein aufgespießter Schmetterling.
Eingesperrt in Blackbooks und andere Archive mögen
sie uns als Erinnerungskrücke dienen, und auf vergangene,
oft lang verhallte oder verblichene Worte verweisen, und
doch ist die unüberhörbare Stimme mit der die
Graffiti in den Lärm der Großstadt flüstern,
klagen oder lachen auf dem Foto verstummt, übertönt
von der rechteckigen, immer nur subjektiven Bildsprache
des Fotografen. So ist die Zurschaustellung von Graffoti
immer nur eine Ausstellung von Fotos, auf denen Graffiti
zu sehen, nicht aber zu spüren sind. Das Graffitimuseum
bleibt wieder einmal auf der Strasse.
Im Theater jedoch können die Graffoti die Möglichkeit
bieten, als Larven probiert zu werden. Schlüpft jemand
in ihre toten Hüllen, um ihnen seine Stimme und die
Sprache seines Körpers zu leihen, kann Graffiti auf
der Bühne wiedergeboren werden. Das Battle of Graffoti
stellt den Versuch dar, aus Graffoti wieder Graffiti zu
machen, so dass dieses im Streit um die bessere Aufführung
quicklebendig und anwesend wird.
Versuchsaufbau
Auf zwei Leinwände werden im Abstand von je einer Sekunde
Graffoti projiziert. Da es hierbei zu Überlagerungen
kommt, sind pro Sekunde oft drei, mindestens aber zwei Graffoti
sichtbar. Unterlegt mit treibender Musik soll uns diese
Anordnung als Simulation einer S-Bahnfahrt entlang einer
schwer beschriebenen Bildstrecke fungieren. Die Teilnehmer
und Zuschauer des Battles sind die Fahrgäste, die in
zwei Gruppen (linke Fensterseite, rechte Fensterseite) unterteilt
sind. Als weitere Verdeutlichung des Sinnbildes eines fahrenden
Zuges dient die Notbremse, die an zentraler Stelle im Bühnenraum
positioniert ist. Wird sie von einem oder mehreren Mitgliedern
beider Gruppen betätigt, so hält der Zug (also
in unserem Fall der Bilderfluss und die Musik) und zwei
Graffoti verharren als Standbilder auf den Leinwänden.
Nun beginnt das Battle:
Die zum Spiel angetreten Darsteller haben zwei Minuten Vorbereitungszeit,
um sich mit dem Graffoti, welches sie repräsentieren,
vertraut zu machen. Die nun folgende Präsentationszeit
beläuft sich auf sechzig Sekunden. Danach bekommen
der oder die Darsteller der anderen Mannschaft ebenfalls
sechzig Sekunden lang die Gelegenheit, ihr Graffoti zu reanimieren.
Die Form der Darstellung ist frei wählbar. Graffiti
kann gelesen, gesungen, getanzt, gespielt oder auf eine
ganz andere Lesart vorgetragen werden. Wichtig ist, dass
die Darsteller sich darüber bewusst sind, dass sie
das konkrete Wort (was auf dem Bild lesbar ist) und nicht
etwa die vermuteten Absichten oder Motivationen seines Autoren
zur Sprache bringen.
Die Eindringlichkeit und Lebendigkeit der Darstellung wir
im Anschluss von einer Jury aus drei Experten beurteilt
und benotet. Nun kann der Zug weiterfahren.
Idee/Konzeption: Graffitimuseum
Berlin
Moderation: Peter Ziehm
Jury: Heiki Ikkula (Dozentin für Animation an der Abt.
Puppenspiel der Schauspielschule Ernst Busch), Stella Konstantinouv
(Performancekünstlerin, Volksbühne Berlin), Jo
Irrläufer (Graffitimuseum Berlin)
Einführung: Nalk Ivique (Graffitimuseum Berlin)
Technische Leitung: Leo Ink (Graffitimuseum Berlin)
Mit freundlicher Unterstützung von www.farbsucht.de
und www.overkill.de.
|
|