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Wer in den Erzählungen
der Graffiti sinnhafte Zusammenhänge oder gar
ganze Sätze zu lesen sucht, sieht sich meist
mit großen bunten Schwierigkeiten konfrontiert.
Subjekte, Prädikate und vor allem Objekte sind
zwar in Hülle und Fülle vorhanden, auch
finden sich Substantive, Adjektive, Verben und viele
kleine Hilfs- und Verbindungswörter auf Oberflächen
aller Arten; und doch scheint ein flüssiges Lesen
wie beispielsweise bei einem Prosatext oder einem
Gedicht, ausgeschlossen. Unverständliche Abkürzungen
und Zahlen, Vokabeln ferner Sprachen und Wörter,
die scheinbar ganz neue Erfindungen darstellen, durchziehen
den Text, den die Graffiti formieren. Dazu kommt,
daß all diese Worte in unterschiedlichen Farben
und Größen, mal gerade, mal kursiv, mal
von rechts nach links und dann wieder von oben nach
unten geschrieben stehen. (Wenn sie denn stehen, denn
einige von ihnen sind auf Untergründen angebracht,
die sich bewegen und - kaum hat man sie entziffert
- mit der S-Bahn oder dem LKW aus dem Blickfeld rollen.)
An einigen Stellen im Stadtraum begegnen dem Leser
Berge und Schichtungen von Worten, die sich überlagern,
als wollten sie einander den Mund verbieten, wobei
sie den Fluß des Lesens in neue Dimensionen
ausdehnen. Und nicht zuletzt finden sich Spuren und
Zensuren - verwischte, durchgestrichene und überpinselten
Morphe, die zwar noch sichtbar, aber unter keinen
Umständen mehr als zusammenhängender Text
zu entziffern sind. Gibt es für dieses Chaos
eine Technik des Lesens?
Das Graffitimuseum taucht mit seinen Teilnehmern im
Wortmeer der Stadt. Schweifend bestimmt es einen Anfangspunkt
für die Lektüre des Tages, folgt einer Farbe,
einer Abkürzung, einem neuentdeckten Wort, schwimmt
mit dem Rhythmus einer Linie oder stolpert über
angebrochene Wortfetzen. Pfeile dienen als Kompaß,
der die Leserichtung angibt. Anführungszeichen
und Punkte, Unterstreichungen und Ausrufezeichen bestimmen
die Konnotationen. Zahlen verweisen auf Fußnoten,
die in Bodennähe aufgelesen werden. Graffiti
auf Dächern sind Überschriften. Im Einklang
mit ihrer Umgebung erscheinen die Verweise und Anspielungen
in Sinnzusammenhängen, sie verhalten sich zu
ihren Orten, denn sie beschreiben sie. Indem sie sich
wiederholen verbinden sie ferne Schauplätze,
die uns als Déjà-vu vertraut anmuten.
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