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09. Oktober 2005
Lest mehr Graffiti!
Stadtspaziergang im Rahmen der Ausstellung „Backjumps – The Live Issue 2“ im Künstlerhaus Bethanien, Berlin-Kreuzberg

 
 

Wer in den Erzählungen der Graffiti sinnhafte Zusammenhänge oder gar ganze Sätze zu lesen sucht, sieht sich meist mit großen bunten Schwierigkeiten konfrontiert. Subjekte, Prädikate und vor allem Objekte sind zwar in Hülle und Fülle vorhanden, auch finden sich Substantive, Adjektive, Verben und viele kleine Hilfs- und Verbindungswörter auf Oberflächen aller Arten; und doch scheint ein flüssiges Lesen wie beispielsweise bei einem Prosatext oder einem Gedicht, ausgeschlossen. Unverständliche Abkürzungen und Zahlen, Vokabeln ferner Sprachen und Wörter, die scheinbar ganz neue Erfindungen darstellen, durchziehen den Text, den die Graffiti formieren. Dazu kommt, daß all diese Worte in unterschiedlichen Farben und Größen, mal gerade, mal kursiv, mal von rechts nach links und dann wieder von oben nach unten geschrieben stehen. (Wenn sie denn stehen, denn einige von ihnen sind auf Untergründen angebracht, die sich bewegen und - kaum hat man sie entziffert - mit der S-Bahn oder dem LKW aus dem Blickfeld rollen.)

An einigen Stellen im Stadtraum begegnen dem Leser Berge und Schichtungen von Worten, die sich überlagern, als wollten sie einander den Mund verbieten, wobei sie den Fluß des Lesens in neue Dimensionen ausdehnen. Und nicht zuletzt finden sich Spuren und Zensuren - verwischte, durchgestrichene und überpinselten Morphe, die zwar noch sichtbar, aber unter keinen Umständen mehr als zusammenhängender Text zu entziffern sind. Gibt es für dieses Chaos eine Technik des Lesens?

Das Graffitimuseum taucht mit seinen Teilnehmern im Wortmeer der Stadt. Schweifend bestimmt es einen Anfangspunkt für die Lektüre des Tages, folgt einer Farbe, einer Abkürzung, einem neuentdeckten Wort, schwimmt mit dem Rhythmus einer Linie oder stolpert über angebrochene Wortfetzen. Pfeile dienen als Kompaß, der die Leserichtung angibt. Anführungszeichen und Punkte, Unterstreichungen und Ausrufezeichen bestimmen die Konnotationen. Zahlen verweisen auf Fußnoten, die in Bodennähe aufgelesen werden. Graffiti auf Dächern sind Überschriften. Im Einklang mit ihrer Umgebung erscheinen die Verweise und Anspielungen in Sinnzusammenhängen, sie verhalten sich zu ihren Orten, denn sie beschreiben sie. Indem sie sich wiederholen verbinden sie ferne Schauplätze, die uns als Déjà-vu vertraut anmuten.

 

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