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20. August - 16. Oktober 2005
Spuren und Zensuren
Installation auf der Ausstellung „Backjumps – Live Issue 2“ im Künstlerhaus Bethanien, Berlin

 
 
 
  Heute finden wir in allen Städten der Welt Zeichen, die gegen die "operationale Semiologie" (Jean Baudrillard, 1975) verstoßen. Die mit Markern und Sprühdosen auf sichtbaren Oberflächen aufgetragenen Codes unterlaufen das "linguistische und strukturale Wertgesetz" des Urbanen. Ungenormte Zeichen mißachten den eingebürgerten Text der Stadt und erzählen andere Geschichten. Dieses Phänomen erfordert eine spielerische und dezentrale Lesart, denn die Buchstabenkombinationen und Namen, die im Stadtraum geschrieben stehen, präformieren eine Sprachlehre, die erst der textgewandte Flaneur entfalten kann. In den Hieroglyphen kann er Pseudonyme, Usurpationen, Neologismen oder wohlbekannte Wörter entdecken, die entfernte Behausungen und geläufige Orte bevölkern. In der schweifenden Lektüre entstehen intuitive Verknüpfungen und narrative Abenteuer.

Doch die ungenormten Erzählungen sind vom Aussterben bedroht. Werden in Zukunft die Spuren die Worte ersetzen? Noch entziffern wir die wilden Gesten und Zeichen, die in den Text der Stadt einbrechen. Aber zunehmend sind wir bereits mit einer neuen Form - der radikalen Abstraktion von Graffiti - konfrontiert: Übermalungen und Putzungen hinterlassen verletzte Fassaden, sich auflösende Anstriche, bunte Flecken und geometrische Farbflächen. Unnatürliche Schatten, verfärbte Fugen und irrationale Lackreste resultieren aus den Verwischungen von Graffiti. Die Interventionen der Hausmeister, Maler und Reinigungskräfte formulieren die Bedeutungen und Kommunikationsangebote der Graffiti um. Die Spuren und Zensuren verweisen auf etwas Abwesendes, daß einmal anwesend war. Sie zeigen das absolut Vergangene, das unwiderruflich Geschehene, das definitiv Uneinholbare. Da die Spur im Gegensatz zum Zeichen uneindeutig und vielfältig auslegbar ist, erinnert sie zwar das Abwesende, kann es aber nicht wieder anwesend machen. Sie ist der reine Aufruhr, denn “sie bedeutet, ohne daß sie eine Intention hat, ein Zeichen zu geben. Die authentische Spur stört die Ordnung der Welt.” (Emmanuel Lévinas, 1974) Der gescheiterte Versuch der vollständigen Entfernung unerlaubter Zeichen hinterläßt demnach nur eine Botschaft: Hier war Graffiti.
 
 

Blaues Buch
Um bestimmte Bücher ranken Geheimnisse, weil in ihnen Rezepturen, Zaubersprüche und Prophezeiungen versiegelt sind. Es gibt das Schwarze Buch der Mysterien, das angeblich der Teufel geschrieben haben soll, ebenso erzählt man sich im Reich der Sonne von einem Orangenen Buch, in dem alle Weisheiten versammelt sind. Am Ende des 18. Jahrhunderts, wahrscheinlich in Jena, so wird in vielen romantischen Briefwechseln erzählt, wurde begonnen an einem Blauen Buch zu schreiben, um in einer dunklen Sprache die Wortwelt nicht begreifend darzustellen, sondern suggestiv hervorzurufen. Ein Blatt mit einem Gedicht, was im Kleide des Dadaismus daherkommt, ist bisher aufgetaucht.

 

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