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Mit der Lesung stellte das Graffitimuseum
die besondere sprachliche Gestaltung und faszinierende Rhetorik
von Texten, die von Sprühern verfaßt wurden,
auf die Probe. Die Texte derer, denen viele nur Krikelkrakel
und Hieroglyphenschrift zutrauen, sollten aus ihrem Schattendasein
der Fachliteratur befreit und im Vortrag lebendig werden.
Während der Recherche lasen wir über 200 Texte,
zumeist aus frei zugänglichen Berliner Writermagazinen,
angefangen bei den 1990er Jahrgängen. Uns fiel auf,
dass ein Großteil der Textsorten, seien es Interviews,
Selbstdarstellungen, Reiseberichte, Stylemessages oder freie
Reflexionen, mit starken Richtlinien und Zurechtweisungen
operierte und sich immer wieder auf ein scheinbar ungeschriebenes
Regelwerk berief. Die Häufung dieser internen Wertediskussion
brachte uns auf den Gedanken, die Texte der Lesung so auszuwählen,
dass man diesen Maßregelungen als roter Faden folgen
könne, zumal Sprühern von bürgerlich-konservativer
Seite oft ein komplett wertneutrales und asoziales Verhalten
bescheinigt wird.
Als das Wichtigste im Writing bzw.
Graffiti wird in der Fachliteratur "Style" aufgeführt.
Im ersten Teil der Lesung brachte die Schauspielerin Franziska
Kleinert deshalb sogenannte Stylemessages von HERO 7 und
DOC TC5 zu Gehör. Hier zwei Ausschnitte der vorgetragenen
Texte, die sich auf das künstlerische Ursprungsmedium
- den Zug als fahrende Leinwand - beziehen:
"Also bei 'One Man Whole Cars'
oder Crewactions ist für mich eine Sache so wichtig,
dass man ohne gar nicht sprühen gehen braucht: Die
Lehre der Proportionen, das Malen im Team und das Vertrauen
in die Crew (GHS) (CMD). [...] Wenn sie [Wholecars] aber
gut durchgearbeitet sind, die Proportion stimmt, die Buchstaben
von vorn und hinten den nächsten Wagen anbumsen, die
Buchstaben am Ende so langgezogen sind, dass die die ganzen
anderen wegkicken, und die Leute auf den Bahnhöfen
anfangen zu jodeln, heulen und lachen, könnte ich sagen:
Der Whole Car 'ist' und könnte von mir sein. [...]
Du kannst an der Wand so gut sein wie du willst, ob es nun
sauber oder der Stiel eine gute Optik ausstrahlt, die richtigen
Props kriegst du erst von mir, wenn du die Sachen die du
malst auch an den Zug kriegst, ohne zu improvisieren, Silber
sprühen, ohne Hektik, kein Drogeneinfluss oder mit
Entwurf. Das ist Bullshit. Dann kannst du gleich zu Hause
bleiben, du Wixaaa!" (HERO 7: "Hallo ihr Wixxaaa!",
Backjumps 4. 1993)
"[...] Die wichtigste Sache,
die man verstehen muss, wenn man über Style spricht,
ist, dass es ein Format gibt. Nummer eins: Diese Kunstform
ist Subway Art. Nicht Wall Art oder Gallery Art, oder Book
Art. [...] um Style zu haben musst du der Form treu sein
und die Form ist Style! Wenn du erst einmal Buchstaben beherrschst
wird alles andere folgen - Hintergründe, Clouds, Characters
und Fill-ins, alles wird ganz natürlich kommen. Als
wahre Subway Artists müssen wir verstehen das wir Teil
von etwas sind was grösser ist als die meisten verstehen
können. wir sind Kinder einer grossartigen Sache....
wir sind die Beschützer einer geheimen Sprache, die
sich aus der ersten geschriebenen Sprache in Babylon bis
hin auf die Züge von heute entwickelt hat. [...] Das
Ziel eines echten Stylemasters ist Lehren, Erbauen und Ausbilden.
All das kann nur durch battlen getan werden und du musst
immer dein bestes geben, denn du bist immer nur so gut wie
deine letzte Arbeit [...]" (DOC TC5, Backjumps 13)
Wir ergänzten diese Ansagen durch Initiationsberichte
von CEM 2, COPE 2 und ZEPHYR und bekamen einen Einblick
in die magische Anziehungskraft von Buchstaben, die entweder
strengen Gesetzen folgen sollten, als Spiegelung der Writerseele
gelesen werden oder deren farbige Gestaltung auf Zügen
den Psychiater oder die Liebe ersetzt.
Danach las Franziska Kleinert einen romantischen Actionbericht
(Das Loveyard), der eine Aktion beschreibt, die unter dem
Einfluß solcher Regeltexte entstand und zudem das
Verhältnis von Graffiti und Sexualität ins Spiel
bringt. Pubertät und Stilschule vergleicht ebenso SHA
in seiner Stylemessage. Der Umgang mit der Sprühdose
ähnelt dem Experimentieren mit den Geschlechtsorganen,
die Objekte der Begierde sind nicht nur aus Fleisch und
Blut sondern ebenso aus Stahl und Glas. Zugespitzt finden
wir die Verwechslung von Frauen und Zügen in dem schon
legendären Text der Neukölln Hustlers (Back in
the Days, True 2 the Game 1999).
"[...] Eines Abends saß ich dann mit ihr am Fenster
und wir beobachteten die Lage. Ich erklärte ihr kurz,
auf was sie achten, und wann sie mich warnen sollte. Es
sollte ein recht aufwendiges Buntbild werden. Ich hatte
zirka eine Stunde eingeplant. Ihre Eltern saßen unten
im Wohnzimmer und sahen fern. Ich verabschiedete mich kurz
und ging los. Durch den Hintergarten über die Mauer
und ran an den Waggon. Es war alles supereinfach. Ich malte
sofort drauf los. Ab und an drehte ich mich um, um zu sehen,
ob meine Freundin mir auch noch den Rücken freihielt.
Irgendwie war die gesamte Situation einfach zu schön,
um wahr zu sein. Innerlich freute ich mich schon darauf,
nach der erfolgreich abgeschlossenen Aktion mit ihr ein
Nümmerchen zu schieben. [...]" (EBOI, Das Loveyard.
Backspin 63. 2005)
"[...] Es ist wie in der Pubertät, irgendwann
merkt man, dass man Haare am Sack bekommt und dass man mit
seinem Ding noch andere Sachen anstellen kann, als nur zu
Pinkeln oder Luftgitarre spielen. Am Anfang hat man halt
hässliche Pickel, feuchte Träume und wird beim
Wichsen erwischt. Aber je mehr Erfahrungen man macht und
je mehr man aus seinen Fehlern und Rückschlägen
lernt, um so mehr formt sich seine Persönlichkeit,
ob man es merkt oder nicht. Man bekommt immer bessere Chicks
und man hat seinen Dödel immer besser unter Kontrolle
und irgendwie stellt sich dann heraus, daß man Style
hat. [...]" (SHA, Was ist Style?, Graffitiart 10. Berlin
1999, S. 104.)
Danach wurde ein Text von Jazzstylecorner vorgetragen. Hier
wird versucht, die Ursprungsform des Writing, den Tag, kunsthistorisch
einzuordnen und die Identifikation mit dem Pseudonym zu
erhellen:
"[...] Das einzige was das Writing mit traditioneller
Malerei gemein hat, ist die Unterschrift des Künstlers,
die seit der Neuzeit, auf den Urheber eines Kunstwerkes
verweist. Im Writing wird diese Unterschrift selbst zum
Bild. Diese Unterschrift emanzipiert sich vom darstellenden
Bild und wird zur eigentlichen und ganz konkreten Message.
Was traditionelle Malerei also in figurativen und non-figurativen
Bildern versucht auszudrücken, wird im Writing auf
die Gestaltung des Namens reduziert. Trotz der totalen Reduktion
auf den Namen, der nur den Namen und nicht darüber
hinaus bedeutet, ist die Leere im Writing keine Leere. Denn
jedes Tag und jeder Schriftzug offenbart die Identifikation
oder Nichtidentifikation des Writers mit seinem Namen. Das
Tag zeigt den Flow, also das Fließen und die Geschwindigkeit
bei der Identifikation, aber auch das Stottern der Form
im Fall der Nichtidentifikation des Writers mit seinem Tag.
[...]" (Jazzstylecorner, Vom Geiste des Tags. Ausstellungskatalog
"haushalten". Hrsg. von Inge Mahn u.a., Berlin
2004, S. 203f.)
Inwieweit sich Sprüher in größere kulturgeschichtliche
Zusammenhänge einschreiben wollen und sich als Teil
einer transhistorischen geistigen Gemeinschaft sehen, hörten
wir in einer Stylemessage von WESP, SCUM (Alpha/Omega. Der
Krieg der Stile und die Bruderschaft der Schreiber im Zeitalter
der Apokalypse) und der Crew TKO:
"Wir sind nun seit etwa 13 Tagen hier in unserem Versteck,
den Abwasserkanälen der Stadt Basel. Denn dies ist
einer der letzten Zufluchtsorte für Writer, die sich
nicht durch die ketzerische Propaganda der Inquisition unseres
21. Jahrhunderts beirren lassen. Sie sehen in unseren Werken
Auflehnung gegen das Volk und den Staat und befürchten
die Verslumung der Bahn. Sie werden womöglich nicht
eher ruhen, bis der letzte von uns, der sich nicht zur Leinwandmalerei
bekehren lies, auf dem Scheiterhaufen elend verreckt ist.
Milde können wir wohl nur erwarten bis wir öffentlich
zu Kreuze kriechen und selbst dann würden wir im Hungerturm
landen. Wir, das ist die Transit knockout Crew, wir sind
die Writer, die unter dem Kürzel TKO ein gemeinsames
Bündnis geschlossen haben, welches auf Farbe und Ehre
basiert. Dieses Jahr sind es stolze 19 Jahre, in denen wir
gemeinsam durch Büsche ziehen und Zäune bezwingen.
Ich erinnere mich gerne an den ersten Crew- Wholecar, den
wir 1993 mit Chrom besiegelten, welcher einem Blutschwur
gleichzusetzen ist. Damals hat wohl keiner von uns gedacht,
dass Chrom dicker als Blut ist und wir 10 Jahre später
immer noch Seite an Seite die Caps drücken werden.
[...] Als wir von der obrigen Welt hierher entflohen, ging
das einzige, was die Inquisition zu befürchten hat,
mit uns: Die heilige Fototruhe, welche all unsere Werke
aufbewahrt und somit die Macht besitzt, den Menschen zu
zeigen, dass wir keine gefürchteten Terroristen sind.
Denn vor allem in unserer Welt sagen Bilder mehr als tausend
Worte und nur sie können die Leute von unserem wirklichen
Vorhaben überzeugen, dem Entwickeln und Fördern
einer neuen, freien und jungen Kunstepoche. Meine Taschenlampe
scheint nicht mehr lange mitzumachen auch rücken die
Seelenlosen immer näher ran, wir müssen tiefer
in die ... TransiT knock ouT..." (TKO, Fuck man read
this - 10 years TKOCREW, The Truth oder Alloverkill 2003)
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Ebenso hörten wir Texte,
die Architektur und Berufsethos (WESP), Arbeit und
Ausdauer (MRN) und Routine (METRO) verhandelten. Mit
einer genauen Stylebeschreibung aus ODEMs Buch "On
the run" rundeten wir die einleitende Kategorie,
wie aus Buchstaben Style geformt wird, ab.
Eine Lesung des
Graffitimuseums mit Franziska Kleinert im Rahmen von
"Parasit" im 3. Stock der Volksbühne
Berlin
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