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08. Mai 2005
Writer als Writer
Lesung im 3. Stock der Volksbühne Berlin

 
 
 
 

Mit der Lesung stellte das Graffitimuseum die besondere sprachliche Gestaltung und faszinierende Rhetorik von Texten, die von Sprühern verfaßt wurden, auf die Probe. Die Texte derer, denen viele nur Krikelkrakel und Hieroglyphenschrift zutrauen, sollten aus ihrem Schattendasein der Fachliteratur befreit und im Vortrag lebendig werden. Während der Recherche lasen wir über 200 Texte, zumeist aus frei zugänglichen Berliner Writermagazinen, angefangen bei den 1990er Jahrgängen. Uns fiel auf, dass ein Großteil der Textsorten, seien es Interviews, Selbstdarstellungen, Reiseberichte, Stylemessages oder freie Reflexionen, mit starken Richtlinien und Zurechtweisungen operierte und sich immer wieder auf ein scheinbar ungeschriebenes Regelwerk berief. Die Häufung dieser internen Wertediskussion brachte uns auf den Gedanken, die Texte der Lesung so auszuwählen, dass man diesen Maßregelungen als roter Faden folgen könne, zumal Sprühern von bürgerlich-konservativer Seite oft ein komplett wertneutrales und asoziales Verhalten bescheinigt wird.

Als das Wichtigste im Writing bzw. Graffiti wird in der Fachliteratur "Style" aufgeführt. Im ersten Teil der Lesung brachte die Schauspielerin Franziska Kleinert deshalb sogenannte Stylemessages von HERO 7 und DOC TC5 zu Gehör. Hier zwei Ausschnitte der vorgetragenen Texte, die sich auf das künstlerische Ursprungsmedium - den Zug als fahrende Leinwand - beziehen:

"Also bei 'One Man Whole Cars' oder Crewactions ist für mich eine Sache so wichtig, dass man ohne gar nicht sprühen gehen braucht: Die Lehre der Proportionen, das Malen im Team und das Vertrauen in die Crew (GHS) (CMD). [...] Wenn sie [Wholecars] aber gut durchgearbeitet sind, die Proportion stimmt, die Buchstaben von vorn und hinten den nächsten Wagen anbumsen, die Buchstaben am Ende so langgezogen sind, dass die die ganzen anderen wegkicken, und die Leute auf den Bahnhöfen anfangen zu jodeln, heulen und lachen, könnte ich sagen: Der Whole Car 'ist' und könnte von mir sein. [...] Du kannst an der Wand so gut sein wie du willst, ob es nun sauber oder der Stiel eine gute Optik ausstrahlt, die richtigen Props kriegst du erst von mir, wenn du die Sachen die du malst auch an den Zug kriegst, ohne zu improvisieren, Silber sprühen, ohne Hektik, kein Drogeneinfluss oder mit Entwurf. Das ist Bullshit. Dann kannst du gleich zu Hause bleiben, du Wixaaa!" (HERO 7: "Hallo ihr Wixxaaa!", Backjumps 4. 1993)

"[...] Die wichtigste Sache, die man verstehen muss, wenn man über Style spricht, ist, dass es ein Format gibt. Nummer eins: Diese Kunstform ist Subway Art. Nicht Wall Art oder Gallery Art, oder Book Art. [...] um Style zu haben musst du der Form treu sein und die Form ist Style! Wenn du erst einmal Buchstaben beherrschst wird alles andere folgen - Hintergründe, Clouds, Characters und Fill-ins, alles wird ganz natürlich kommen. Als wahre Subway Artists müssen wir verstehen das wir Teil von etwas sind was grösser ist als die meisten verstehen können. wir sind Kinder einer grossartigen Sache.... wir sind die Beschützer einer geheimen Sprache, die sich aus der ersten geschriebenen Sprache in Babylon bis hin auf die Züge von heute entwickelt hat. [...] Das Ziel eines echten Stylemasters ist Lehren, Erbauen und Ausbilden. All das kann nur durch battlen getan werden und du musst immer dein bestes geben, denn du bist immer nur so gut wie deine letzte Arbeit [...]" (DOC TC5, Backjumps 13)
Wir ergänzten diese Ansagen durch Initiationsberichte von CEM 2, COPE 2 und ZEPHYR und bekamen einen Einblick in die magische Anziehungskraft von Buchstaben, die entweder strengen Gesetzen folgen sollten, als Spiegelung der Writerseele gelesen werden oder deren farbige Gestaltung auf Zügen den Psychiater oder die Liebe ersetzt.

Danach las Franziska Kleinert einen romantischen Actionbericht (Das Loveyard), der eine Aktion beschreibt, die unter dem Einfluß solcher Regeltexte entstand und zudem das Verhältnis von Graffiti und Sexualität ins Spiel bringt. Pubertät und Stilschule vergleicht ebenso SHA in seiner Stylemessage. Der Umgang mit der Sprühdose ähnelt dem Experimentieren mit den Geschlechtsorganen, die Objekte der Begierde sind nicht nur aus Fleisch und Blut sondern ebenso aus Stahl und Glas. Zugespitzt finden wir die Verwechslung von Frauen und Zügen in dem schon legendären Text der Neukölln Hustlers (Back in the Days, True 2 the Game 1999).

"[...] Eines Abends saß ich dann mit ihr am Fenster und wir beobachteten die Lage. Ich erklärte ihr kurz, auf was sie achten, und wann sie mich warnen sollte. Es sollte ein recht aufwendiges Buntbild werden. Ich hatte zirka eine Stunde eingeplant. Ihre Eltern saßen unten im Wohnzimmer und sahen fern. Ich verabschiedete mich kurz und ging los. Durch den Hintergarten über die Mauer und ran an den Waggon. Es war alles supereinfach. Ich malte sofort drauf los. Ab und an drehte ich mich um, um zu sehen, ob meine Freundin mir auch noch den Rücken freihielt. Irgendwie war die gesamte Situation einfach zu schön, um wahr zu sein. Innerlich freute ich mich schon darauf, nach der erfolgreich abgeschlossenen Aktion mit ihr ein Nümmerchen zu schieben. [...]" (EBOI, Das Loveyard. Backspin 63. 2005)

"[...] Es ist wie in der Pubertät, irgendwann merkt man, dass man Haare am Sack bekommt und dass man mit seinem Ding noch andere Sachen anstellen kann, als nur zu Pinkeln oder Luftgitarre spielen. Am Anfang hat man halt hässliche Pickel, feuchte Träume und wird beim Wichsen erwischt. Aber je mehr Erfahrungen man macht und je mehr man aus seinen Fehlern und Rückschlägen lernt, um so mehr formt sich seine Persönlichkeit, ob man es merkt oder nicht. Man bekommt immer bessere Chicks und man hat seinen Dödel immer besser unter Kontrolle und irgendwie stellt sich dann heraus, daß man Style hat. [...]" (SHA, Was ist Style?, Graffitiart 10. Berlin 1999, S. 104.)

Danach wurde ein Text von Jazzstylecorner vorgetragen. Hier wird versucht, die Ursprungsform des Writing, den Tag, kunsthistorisch einzuordnen und die Identifikation mit dem Pseudonym zu erhellen:

"[...] Das einzige was das Writing mit traditioneller Malerei gemein hat, ist die Unterschrift des Künstlers, die seit der Neuzeit, auf den Urheber eines Kunstwerkes verweist. Im Writing wird diese Unterschrift selbst zum Bild. Diese Unterschrift emanzipiert sich vom darstellenden Bild und wird zur eigentlichen und ganz konkreten Message. Was traditionelle Malerei also in figurativen und non-figurativen Bildern versucht auszudrücken, wird im Writing auf die Gestaltung des Namens reduziert. Trotz der totalen Reduktion auf den Namen, der nur den Namen und nicht darüber hinaus bedeutet, ist die Leere im Writing keine Leere. Denn jedes Tag und jeder Schriftzug offenbart die Identifikation oder Nichtidentifikation des Writers mit seinem Namen. Das Tag zeigt den Flow, also das Fließen und die Geschwindigkeit bei der Identifikation, aber auch das Stottern der Form im Fall der Nichtidentifikation des Writers mit seinem Tag. [...]" (Jazzstylecorner, Vom Geiste des Tags. Ausstellungskatalog "haushalten". Hrsg. von Inge Mahn u.a., Berlin 2004, S. 203f.)

Inwieweit sich Sprüher in größere kulturgeschichtliche Zusammenhänge einschreiben wollen und sich als Teil einer transhistorischen geistigen Gemeinschaft sehen, hörten wir in einer Stylemessage von WESP, SCUM (Alpha/Omega. Der Krieg der Stile und die Bruderschaft der Schreiber im Zeitalter der Apokalypse) und der Crew TKO:

"Wir sind nun seit etwa 13 Tagen hier in unserem Versteck, den Abwasserkanälen der Stadt Basel. Denn dies ist einer der letzten Zufluchtsorte für Writer, die sich nicht durch die ketzerische Propaganda der Inquisition unseres 21. Jahrhunderts beirren lassen. Sie sehen in unseren Werken Auflehnung gegen das Volk und den Staat und befürchten die Verslumung der Bahn. Sie werden womöglich nicht eher ruhen, bis der letzte von uns, der sich nicht zur Leinwandmalerei bekehren lies, auf dem Scheiterhaufen elend verreckt ist. Milde können wir wohl nur erwarten bis wir öffentlich zu Kreuze kriechen und selbst dann würden wir im Hungerturm landen. Wir, das ist die Transit knockout Crew, wir sind die Writer, die unter dem Kürzel TKO ein gemeinsames Bündnis geschlossen haben, welches auf Farbe und Ehre basiert. Dieses Jahr sind es stolze 19 Jahre, in denen wir gemeinsam durch Büsche ziehen und Zäune bezwingen. Ich erinnere mich gerne an den ersten Crew- Wholecar, den wir 1993 mit Chrom besiegelten, welcher einem Blutschwur gleichzusetzen ist. Damals hat wohl keiner von uns gedacht, dass Chrom dicker als Blut ist und wir 10 Jahre später immer noch Seite an Seite die Caps drücken werden. [...] Als wir von der obrigen Welt hierher entflohen, ging das einzige, was die Inquisition zu befürchten hat, mit uns: Die heilige Fototruhe, welche all unsere Werke aufbewahrt und somit die Macht besitzt, den Menschen zu zeigen, dass wir keine gefürchteten Terroristen sind. Denn vor allem in unserer Welt sagen Bilder mehr als tausend Worte und nur sie können die Leute von unserem wirklichen Vorhaben überzeugen, dem Entwickeln und Fördern einer neuen, freien und jungen Kunstepoche. Meine Taschenlampe scheint nicht mehr lange mitzumachen auch rücken die Seelenlosen immer näher ran, wir müssen tiefer in die ... TransiT knock ouT..." (TKO, Fuck man read this - 10 years TKOCREW, The Truth oder Alloverkill 2003)

Ebenso hörten wir Texte, die Architektur und Berufsethos (WESP), Arbeit und Ausdauer (MRN) und Routine (METRO) verhandelten. Mit einer genauen Stylebeschreibung aus ODEMs Buch "On the run" rundeten wir die einleitende Kategorie, wie aus Buchstaben Style geformt wird, ab.

 


Eine Lesung des Graffitimuseums mit Franziska Kleinert im Rahmen von "Parasit" im 3. Stock der Volksbühne Berlin

 
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