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Lest mehr Graffiti!
Das Besondere am Text Graffiti - Stadtspaziergänge als Performance und Praxis

 
 

Graffiti ist ein geschriebenes Phänomen, das im Prozeß des Schreibens lebendig ist. Es umgibt uns als einzigartiger Text, der sich in seinen verschiedensten Ausprägungen und Formen über die Oberflächen der Städte bewegt. Wir glauben, dass das Verständnis dieses Textes Antworten auf viele ungeklärte Fragen über das städtische Zusammenleben, urbane Sehnsüchte und Hoffnungen, aber auch über individuelle Ängste, ungeschriebene Gesetze und stark variierende Wert- und Zeitvorstellungen der Städtebewohner zu geben vermag. Ferner werden Texte geschrieben, um gelesen zu werden.

Was aber ist das besondere am Text Graffiti? Zunächst einmal handelt es sich hierbei um ein Werk, welches einem ständigen Wandel, einem Entstehen und Vergehen unterworfen ist. Dieser Prozess macht den Text lebendig und gleichzeitig unendlich. Niemand, nicht einmal die Sonderkommission Graffiti, wird je von sich behaupten können, den Text in seiner Gänze gelesen zu haben. Eine unbestimmbare Anzahl von Autoren und Zensoren arbeitet täglich an der Weiterentwicklung des Textes, sei es in Form beständiger Wiederholung einzelner Bestandteile, in der Verfeinerung oder Auflösung seiner Codierung oder dem Versuch, des Löschens einzelner Wörter oder ganzer Sätze.

Der Text ist multilingual und erfinderisch. Er existiert in Abkürzungen und Anspielungen. Vor allem aber erscheint er zunächst komplett zusammenhangslos. Und doch verweist jeder Morph, jedes einzelne Bestandteil auf eine Handschrift, einen Namen, einen Menschen, eine Geschichte. In der Wiederholung und Verknüpfung dieser Bestandteile finden sich komplexe Erzählungen, Gedichte, Theorien und Psychogramme von Personen und Gesellschaften. Die Orte, an denen wir die Wörter des Textes finden, werden in die Erzählungen mit eingebunden, sie verhalten sich zu ihr. So wird die Stadt selbst zur Geschichte und jeder, der sich in ihr bewegt, zum Leser. Wie gelesen wird, und das ist auch eine Einmaligkeit des Textes, schreibt niemand vor. Ob von oben nach unten, links nach rechts, heute nach vorgestern oder auf eine ganz andere Weise, bleibt Sache des Lesers. Das Graffitimuseum sammelt und entwickelt Lesarten, prüft sie auf ihre Anwendbarkeit und stellt sie vor. Die Aufgabe des Museums ist es, als Theorie so lebendig zu sein, wie sein Material.

Lest Graffiti laut!
Die Stadtspaziergänge des Graffitimuseums sind Praxis und Performance zugleich. Gemeinsam mit seinen Teilnehmern begibt es sich auf Exkursionen ins Wortgewirr der Stadt und betreibt öffentliche Forschung am lebenden Objekt. Unter der Leitung des Museums übt sich das Publikum im Lesen, Deuten und Verorten von Graffiti und erhält dabei einen vitalen Eindruck von seiner alltäglichen Praxis, die nichts sein kann als eine immer neue Annäherung und ein Stehenbleiben an den Orten, an denen andere schon einmal stehengeblieben sind. Seit 2001 veranstaltete das Museum zahlreiche Führungen durch den Wortwald von Berlin, jede unter einem spezifischen Motto: „Kriegernamen in Kreuzberg“ oder „Kritzeleien auf dem Kinderspielplatz“ sind dabei genauso Thema wie „Das laute Lesen und leise Benutzen von Abkürzungen“ und das Entwickeln und Erproben spezieller Techniken, wie zum Beispiel „Das graphologische Schweifen“.

 

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